Montag, 13. Februar 2012

Lost in Temuco...

Von nun an sind wir auf uns allein gestellt. Gustavo hat uns zum Terminal gebracht und nochmal gewarnt, uns vorsichtig zu verhalten. Chile ist zwar sehr fortschrittlich, schon fast europäisch, doch die Armut treibt viele in die Kriminalität. Als Touristen sind wir da ein gefundenes fressen. Das heisst aber nicht, dass an jeder Ecke jemand mit einem Messer lauert um uns abzumurksen. Viel eher ergreifen diese Personen einfach die Gelegenheit, die sich ihnen bietet. Das lässt sich durch richtiges Verhalten unterbinden.
Auch das Busticket hätten wir ohne Gustavo nicht so leicht bekommen. Hier ist es keinesfalls so, dass man an den Schalter geht und sagt: Hallo, einmal nach Buxtehude. Hier überreicht das nette Personal keinen Reiseplan mit drei Tickets, die einen zum Zielort bringen. Hier ist alles anders. Es gibt keinen Fahrplan, den man einsehen kann, keinen Schalter, der eine Übersicht über alle Busse hat. Jede Busgesellschaft hat ihren eigenen Schalter und unterschiedliche Abfahrtszeiten. Dabei weiss die Person nur von den Bussen, die von diesem Ort aus und von dieser Busgesellschaft abfahren. Auskünfte über mögliche Anschlüsse im nächsten Ort sind kaum möglich.
Deshalb fuhren wir nach Temuco. Die Busse direkt von Santiago nach Puerto Montt im Süden waren alle voll belegt. Darum riet man uns einfach nach Süden zu fahren, am besten nach Osorno. Nein auch voll. Bei dieser Busgesellschaft auch. Mist. Nächster Schalter: Osorno? Voll. Naja. Temuco? Si. Also dannTemuco. Über Nacht in recht bequemen Halbliegesitzen gings dann durch Zentralchile. 10 Stunden. Zuerst dröhnte aus den Lautsprechern eine Latino-Justin-Bieber-Version von "Stand by me". Jakob fands "gar nicht so schlecht". xD Danach gabs den neuen Conan Film. Aber mit schlehtem Ton. Das gab die Raubkopie nicht her. Irgendwann verteilte der nette Busbegleiter Decken und Kissen. Wir versuchten zu schlafen.
Um 8 Uhr morgens erreichten wir Temuco. Klebrig. Irgendwann hatte man die Klimaanlage ausgemacht, damit es wärmer ist. Im grossen und ganzen war die Fahrt aber ok. Die Busse halten regelmässig und die Fahrer wechseln alle 4 Stunden, was die Passagiere auf einer Anzeige im Gang überprüfen können. Es wird viel für die Sicherheit getan, nachdem sich immer mehr Busunglücke gehäuft hatten. Wir selbst wurden Zeugen einer staatlichen Fahrzeitkontrolle. Aber zurück zu Temuco.
Hier war es wesentlich kühler. Vllt. 13 Grad. Also erstmal auf die Toiletten, Zähneputzen und umziehen. Dann einen Bus suchen. Etwa 4 Mal durfte einer von uns zu den Schaltern rennen. Immer wieder jeden einzelnen nach einer anderen Alternative fragen, wieder Rücksprache mit dem Anderen halten, der solange auf das Gepäck aufpasst. Und so fort. Bis übermorgen kein Anschluss nach Punta Arenas in den Nationalpark. Mist. Dann fahren wir eben weiter nach Puerto Montt. Oder doch Osorno? Und dann Antworten wie: Erst nächste Woche. Morgen. Hä? Nein heute nicht. Am Ende fanden wir aber doch was passendes. 8 € für 600 km? Nicht schlecht. So und nun? Wir haben noch drei Stunden Zeit. Also schultern wir uns unsere 17 Kilo schweren Rucksäcke und verlaufen uns tadellos. In Temuco gibt es nicht viel. Ausser kleinen schäbige Häusern und Strassenkötern. Die Leute sind arm hier. Wie überall wo wir waren, fehlt den Chilenen das Geld. Nur wenige Plätze sind gepflegt. Und die Fabriken und Autobahnen, die sind aber in spanischen und europäischen Besitz. Die verdienen mächtig daran. Chile hat oft keine andere Wahl als zu verkaufen. Dem Land fehlen die Mittel, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
In Temuco leben hauptsächlich Arbeiter und Mapuche. Die Mapuche, ein noch immer stolzer eingeborener Stamm, hat lange die Spanier in Schach gehalten und sich 200 Jahre gegen Unterdrückung behauptet. Jakob und ich vermuten: Mit ihren Frauen. Die sehen hier nämlich sehr "rustikal" aus.
Dann finden wir den Bahnhof und damit auch unser Ziel: Den Markt von Mapuche. Ganz hübsch hier. Zwiebeln so groß, wie Kinderköpfe, Maiskolben so groß wie unsere na ja...Unterarme. Aber auch sonst alles was man brauchen kann. Das ganze findet unter alten, riesigen Wellblechdächern statt. Spannend anzusehen, wie das alles erwacht. Bei uns wär der Markt schon fast wieder rum. Hier ist der aber auch jeden Tag.
Wir haben Hunger und wollen was essen. Aber die Frau in der roten Schürze vor dem Lokal guckt so streng, dass wir etwas zögern. Als wir dann aber grüssen, wird sie plötzlich super freundlich und zeigt uns einen Platz passend zu unseren Rucksäcken. Die Bänke mit den hohen Rückenlehnen sind selbst gezimmert, in der Mitte steht ein kleiner Kohleofen, der im Winter bestimmt beheizt wird. Wir bestellen einen Kaffee. Sie bringt uns je ein Päckchen Instantpulver. Normal gebrühten, haben wir seit Italien nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich ist der zu teuer. Absurd. Wie viel kostet der Kaffee in Deutschland? Da wir nicht wissen, was man hier so isst, fragen wir sie, was sie anbieten kann. 1. Chilenisch versteht man verdammt schwer. 2. Haben wir sowieso keine Ahnung, was das alles ist und 3. Haben wir dann das bestellt, was sich am besten angehört hat. Ein Completo, darin sind anscheinend enthalten: Wurst, Tomaten, Mayo, Brot. Sie bringt uns einen Hotdog. Unser Frühstück. Jakob merkt an, das sei unser erster Durchfall. Geschmeckt hats jedenfalls super. Der Rückweg zum Busbahnhof war dann ganz leicht. Jetzt sitzen wir im Bus nach Puerto Montt. Obwohl wir ständig irgendwo in der Pampa (Felder, an der Strasse ein kleines Wartehäuschen) anhalten, Leute zusteigen, der Busfahrer aussteigt um sich was zu essen zu besorgen, sind wir fast pünktlich. Nur ne halbe Stunde Verspätung. So langsam gewöhnen wir uns an die Südamerikanische Lockerheit. Also glaubt ja nicht, dass ihr immer so ausführliche Berichte bekommt! Auch unser Spanisch hat sich extrem verbessert. Sipo: A ver... - Also: Das wird schon...
(Anm. d. Red.: Eigentlich liegen wir gerade in Puerto Montt im besten Hostel der Welt. Ja, wir sind etwa 6 Stunden hinterher!)

2 Kommentare:

  1. Hasllo, Ihr Beiden!

    Ihr müßt Euren Fortsetzungsroman unbedingt fortführen - ich warte jeden Tag darauf, informativ-spannend-lustig-abenteuerlich!
    Weiter so und passt gut auf Euch auf! Viel Glück und alle lieben Wünsche für Euch!
    Helga und Heiner!

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  2. Oje, jetzt wirds abenteuerlich! Das ist kein Urlaub, das ist harte Arbeit! Im Bus schlafen, Hot Dog zum Frühstück...sehr gewöhnungsbedürftig. ich bin gespannt, was ihr noch alles erlebt.
    Bussi Steffi

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